Wenn Geschwister streiten

Was tun, wenn Geschwister streiten?

SZ-Interview im Juli 2012 anlässlich des Vortrags “Geschwisterrivalität” an der Montessori-Schule Dachau:

 

Was sind die häufigsten Streitthemen unter Geschwistern?

Die klassischen Streitthemen bei kleinen Geschwistern sind Spielsachen. Hier gilt in der Regel das als interessanter, was der Andere hat. Das Spielzeugauto, der Legobaustein, oder die Barbiepuppe. Kaum hat Schwester oder Bruder Interesse daran bekundet, gewinnt es an unschätzbarem Wert und der Streit um das begehrte Stück beginnt. Ältere Geschwister ärgern sich dann häufig über das Ausleihen von Sachen, die dann entweder gar nicht oder in schlechtem Zustand zurückgegeben werden.  Das kann die oft gutmütigste Schwester oder den freundlichsten Bruder zur Weißglut treiben. Das Fahrrad ist weg, wenn man es gerade braucht oder der ausgeliehe Pulli liegt schmutzig in der Wäsche.

 

Wie weit kann so was gehen?

Hier gelten die gleichen Eskalationsstufen wie bei Erwachsenen, je nach Temperament schneller oder langsamer. Vor allem kleinere Geschwister diskutieren nicht lange und holen sich ihre weggenommene Sandkastenschaufel nach der ersten Aufforderung einfach wieder zurück. Man will ja schließlich weiterspielen. Gibt keiner nach wird daraus schnell ein Gerangel, das mit Schubsen beginnt und mit Zwicken und blutigen Nasen enden kann. Ältere Kinder oder Jugendliche setzen sich eher verbal auseinander und unterstreichen ihren Unmut über das Verhalten des Anderen mit Schimpfworten, Türknallen und Gebrüll. In der Regel beruhigt sich der Zwist schnell wieder. In manchen Familien aber eskalieren die Konflikte und werden zum Dauerzustand, der alle Familienmitglieder belastet. Wie z.B. ein Vater der die Streitereien seiner Kinder nicht mehr hören wollte und gerne länger in der Arbeit blieb, wodurch  wiederum die Paarbeziehung großen Schaden nahm, da sich die Mutter im Stich gelassen fühlte.

 

Wann sollten Eltern dazwischen gehen?

Streiten und Konflikte austragen will geübt sein. Wie das Laufen muss auch Streiten ausprobiert und gelernt werden. Deshalb sollten Eltern den Geschwistern genügend Raum geben, um verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren und sich in Konflikten erproben zu können.  Eltern sollten dann regulierend eingreifen, wenn das Gerangel gefährlich wird oder ein Kind mit der Situation überfodert ist. Hier gilt es in der Nähe zu bleiben und im Hintergrund zu beobachten, um die Streithansl im Bedarfsfall zu unterstützen oder körperlichen Schaden zu verhindern. Verletzungen passieren in der Regel im Affekt, wenn sich ein Kind nicht mehr zu helfen weiß und aus Wut fest zuschlägt. In Konflikten schalten wir, Kinder wie Erwachsene, auf unser Überlebensprogramm um, was Angriff oder Verteidigung bedeutet. Unser Denkorgan befindet sich in diesem Zustand leider im Pause-Modus.

 

Wie können Eltern am besten einschreiten?

Eltern sollten in erster Linie ruhig und besonnen dazwischen gehen. Dies gibt den Kindern Sicherheit, sie spüren dass alles eigentlich gar nicht so wild ist und können sich schneller beruhigen. Es genügt zunächst vollkommen die Situation zu beschreiben, also das mit Worten zusammenzufassen, was man gerade beobachtet: “Ich sehe, dass ihr beide gerade so wütend seid, dass ihr euch am liebsten richtig schlagen würdet. Ich habe euch schon länger beobachtet und nun habe ich Angst, dass ihr euch verletzt. ” Jetzt gilt es selber Ruhe zu bewahren, sich in die Rolle des Moderators zu begeben und die Kinder darin zu unterstützen eine gute Lösung zu finden. Wichtig hierbei ist, sich nicht zu lange mit der vorangegangenen Auseinandersetzung zu beschäftigen, sondern zu klären, was jeder möchte und auf Lösungssuche zu gehen. Hierbei sollten möglichst viele Lösungen benannt, aber noch nicht bewertet werden. Auch Lösungen, die ein Kind benachteiligen, oder völlig absurd erscheinen haben in dieser Phase ihren Raum. Erst danach gilt es, sich für eine Lösung zu entscheiden. Wichtig ist eine gute, nachhaltige Lösung zu finden, die beide Geschwister gut finden und nicht vorschnell eine vermeintlich gute Lösung zu wählen. Es ist oft verlockend, schnell zum Alltagsgeschäft überzugehen, schließlich muss noch eingekauft oder die Oma abgeholt werden. Besser ist sich dann die Zeit zu nehmen und die Lösungsuche zu vertagen. Die Geschwister sollten besser noch einmal darüber zu schalfen und genau überprüfen, ob die propagierte Lösung wirklich gut ist. Ist die Lösung nicht wirklich akzeptabel, rumort es weiter und hält den Konflikt am Köcheln.

 

Sollten sie Partei ergreifen?

Jedes Kind erzählt und möchte die Eltern für seine Sicht überzeugen und erwartet Unterstützung. Hier geraten Eltern schnell in die Rolle des Richters  und Anklägers und versuchen mit Nachfragen etc. die Schuldfrage zu klären. Das Schlichten des Streits ähnelt dann mehr einer Gerichtsverhandlung und endet damit, dass ein Kind als schuldig gilt und evtl. auch noch bestraft wird, während das Andere in die Rolle des Opfers gerät. Dies hat einen entscheidenden  Nachteil: Der “Schuldige” fühlt sich von den Eltern nicht verstanden und ungerecht behandelt. Meist muss das dann wieder Bruder oder Schwester ausbaden, weil die haben einem diese Misere ja schließlich eingebrockt.

 

Ist es möglich der Rivalität auch vorzubeugen?

Geschwisterrivalität ganz zu vermeiden ist schwierig.  Sie liegt in der Natur der Sache und ist mit Geburt eines Geschwisterchen vorprogrammiert. Denn dann gilt es sich zu behaupten, man genießt nicht mehr die alleinige Zuwendung der Eltern. Den älteren Geschwistern , die sich fast immer über Nachwuchs in der Familie freuen, gut, wenn sich sich die Eltern wieder mal alleine für sie Zeit zu nehmen, wie z.B. mit Papa oder Mama alleine zum Schwimmen zu gehen. Auch die jüngeren Geschwister lieben es, wenn sie mal alleine im Mittelpunkt stehen und die alleinige Aufmerksamkeit genießen. Vorbeugend an sich ist auch die Einstellung, dass jedes Kind seine Stärken, aber auch seine Eigenheiten haben darf. Am besten sollten die Geschwister nicht mit einander verglichen werden, wie “Nimm dir ein Beispiel an Lisa, sie kommt immer pünktlich nach Hause, hat bessere Noten etc.” Besser ist, mit jedem Kind Lösungen für Konflikte individuell zu suchen.

 

Sehen Sie es oft, dass Eltern ihre Kinder sehr unterschiedlich behandeln?

Obwohl sich Eltern bemühen, ihre Kinder gleich zu behandeln, passiert es oft, dass ein Kind besonders in Schutz genommen wird, weil es jünger und nicht so verständig ist, während vom älteren Kind mehr Vernunft und Nachsicht erwartet wird. Aber auch verschiedene Temperamente geben Anlass, die Kinder unterschiedlich zu behandeln. Ist ein Kind draufgängerischer und gehen dabei Sachen kaputt, wird des öfter reglementiert, was wiederum dazu führt, dass sich dieses Kind schlechter behandelt fühlt.